Wie „Wabi-Sabi“ meine Art zu arbeiten verändert hat.

Seit einigen Jahren lässt mich die Ästhetik des Unvollkommenen nicht mehr los – für mich ist sie die ehrlichste und authentischste Form des Ausdrucks. Beim Eintauchen in diese Thematik bin ich auf die japanische Philosophie des Wabi-Sabi gestoßen. Sie lehrt uns, die Schönheit im Unvollkommenen, im Vergänglichen und im Unvollständigen nicht nur zu akzeptieren, sondern zu feiern.

Wir leben aktuell in der Ära der generativen KI. Tools erstellen in Sekunden makellose, hochglanzpolierte Welten. Doch genau hier liegt das Problem: Wir beginnen bereits, uns an dieser digitalen Glätte sattzusehen. Wir entwickeln einen Instinkt für das „Errechnete“ und empfinden diese Perfektion zunehmend als vorhersehbar und uninteressant.

Vor allem fehlt ihr die Seele. Wenn alles makellos ist, finden unser Auge und unser Geist keinen Halt. Es gibt keine Reibung – und ohne Reibung entsteht keine Erinnerung. Es ist doch gerade die Unvollkommenheit, die eine Marke im Gedächtnis von uns Menschen verankert.

Doch was hat diese stille, alte Philosophie mit der lauten Welt des Brandings im Jahr 2026 zu tun?

Ich bin überzeugt: Dieses Konzept ist die Brücke, die wir jetzt brauchen. Wabi-Sabi erlaubt uns, die künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Chance, endlich wieder menschlicher zu werden. Wir dürfen die klinische Perfektion der Maschine überlassen und uns stattdessen auf das konzentrieren, was uns eigentlich ausmacht: unsere Fehlbarkeit. Denn das „Perfekte“ war ohnehin nie wirklich menschlich – es war ein Ideal, das uns oft mehr unter Druck gesetzt als inspiriert hat.

Meine Erkenntnisse

Als Brand Developer und Fotograf sehe ich Wabi-Sabi als bewusste Entscheidung für Charakter. Für meine Arbeit bedeutet das heute:

  • Echtheit statt Retusche: Ein Moment, der ungestellte, echte Emotionen zeigt, sticht die generische KI-Ästhetik jederzeit aus.

  • Charakter durch Ecken und Kanten: Marken, die den Mut haben, unfertig oder „rau“ zu wirken, gewinnen heute wieder mehr Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen.

  • Die Schönheit des Weges: Storytelling, das auch die menschliche und oft chaotische Entwicklung zeigt, schafft eine tiefere Bindung als jedes perfekte Endergebnis.

Warum wir nicht ersetzt werden können

KI kann reproduzieren, aber sie kann die unkalkulierbare Schöpferkraft eines echten Augenblicks nicht nachempfinden. Ein Bild, das vielleicht unterbelichtet oder leicht unscharf ist, aber genau die richtige Stimmung einfängt, besitzt einen Wert, den kein Algorithmus berechnen kann. Warum? Weil Authentizität kein Datenpunkt ist. Sie ist ein Gefühl, das wir alle nachempfinden, aber noch nie vollständig in einen Prompt übersetzen konnten.

Mein Fazit

In einer Welt, in der fast alles makellos zu sein scheint, werden das Analoge und das unperfekt Menschliche zur neuen Währung für Vertrauen. Die „Lücke im System“ ist der Beweis für unsere menschliche Urheberschaft. Für uns Kreative bedeutet das: Wir müssen wieder lernen, auf unsere eigene, unvollkommene Stimme zu hören. Denn dort, im Unperfekten, liegt unser wahrer Wert.

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Mein Kamerasetup als Dokumentar Fotograf